Das schönste Kochbuch in meiner Sammlung

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Das schönste Kochbuch in meiner Sammlung

Mit wem hat eure Begeisterung für’s Backen eigentlich begonnen (die Begeisterung setze ich jetzt einfach mal voraus, denn warum würdet ihr sonst einen Backblog lesen)?
Ich schätze mal mit der Antwort: “mit meiner Oma” würde ich bei mehr als 50% unserer Leser*innen richtig liegen. Wahrscheinlich sind es weit mehr.

Vielleicht hatte eure Oma (oder Mama) ja auch ein Buch oder eine Klasse, in dem sie mit schöner Handschrift ihre Rezepte eintragen hat. Bestimmt hat das Buch Fettflecken und Eselsohren, vielleicht ist die Tinte an manchen Stellen etwas verwischt. Auf alle Fälle ist es sicher nicht makellos und sauber, sondern zeugt von einem langen Küchenleben.

Haben solche gesammelten Werke nicht ihren ganz besonderen Reiz?

Diesem Reiz ist Peter Breuer, Texter aus Hamburg erlegen, als er sein erstes altes Kochbuch in Händen hielt. Aus der Anfangsbegeisterung wurde eine Sammelleidenschaft und aus dieser ein wunderschönes Buch, dessen Geschichte ich gerne Peter Breuer selbst erzählen lassen möchte:

 

„Im Herbst 2006 blätterte ich durch eBay und suchte nach alten Handschriften. Zu diesem Zeitpunkt hätte es noch alles werden können: Ein Schulheft, ein Poesiealbum oder ein Rezeptbuch. Das Kochtagebuch von Bertha Hieber machte mich neugierig. Die Auktion endete tief in der Nacht und der Preis war entsprechend niedrig. Als das Buch ankam, hat es mich gepackt – es war, als würde ich 150 Jahre früher mit einer jungen Frau in einer bayerischen Küche stehen. Sie schrieb über falsche Schildkröteneier, Warmbiersuppe und farcierte Kalbsbrust, aber auch über mindestens vier Hochzeiten und genauso viele Todesfälle. Das war mehr als ein Rezeptbuch, das waren knapp 500 Seiten schönste Kalligraphie und ein ganzes Leben.

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In den kommenden Jahren kamen immer mehr Bücher hinzu: Klassische Rezeptsammlungen, aber eben auch Kladden, die sich wie Tagebücher lesen ließen. Eine österreichische Autorin verwob 1915 zwischen ihren Kochrezepten längere Aufzeichnungen zu Madame de Theben, einer französischen Wahrsagerin, die den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorhergesagt hatte. (Und – wenn man ihren Überlegungen folgt – auch den Untergang der Titanic.) Ich lernte eine junge Frau kennen, die ihre Lehre zur Köchin mit einer Kladde begann, die sie im Münchner Hotel Oberpollinger begann oder eine Frau von der Ostseeküste, die die Kochschule in Kiel besuchte. Jedes einzelne der Bücher hatte seinen Reiz: Mal war es die besondere Federführung, mal die zwischen die Seiten geklemmten Fundstücke und dann wieder die Indizien auf das Familienleben oder die regionale Herkunft.

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Irgendwann – das war mir schnell klar – musste aus diesen Büchern ein Buch werden. Nicht alle würde ich erwähnen können und es galt, sich aus einem Fundus von 15.000 handgeschriebenen Seiten zu beschränken. Was nun in der Greenpeace Magazin Edition erschien, ist eine Auswahl und jedes der fünfzehn vorgestellten Bücher hat seinen eigenen Reiz und seine eigene Besonderheit. Es gibt Autorinnen, deren Augenmerk vor allem auf dem Haltbarmachen von regionalen Lebensmitteln liegt, während andere mit seltenen Zutaten kochen oder – wie der Rügener Konditor Erich Matz – eher der Haute cuisine zugetan sind. Für mich selbst am interessantesten sind die Biographien und Handschriften der Schreibenden: Ich habe recherchiert oder erahnt, wer diese Menschen waren und kann mich in ihren Handschriften verlieren. Dass das auch anderen durch dieses Buch möglich ist, freut mich am meisten. Ein weiterer Glücksfall war die Zusammenarbeit mit Hans Hansen, einem Fotografen, dessen Arbeit ich seit mehr als 30 Jahren kontinuierlich verfolgt habe. Dass ausgerechnet er die Handschriften und Zutaten der Kochtagebücher kongenial in Szene gesetzt hat, hätte natürlich nicht schöner sein können.“

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Für mich ist „Kochtagebücher“ nicht mehr und nicht weniger als das schönste Kochbuch, das ich besitze. Außer der Kladde meiner Mama versteht sich. Die hält sie zwar selbst (glücklicherweise) noch in Verwahrung, aber meine Schwester und ich streiten uns heute schon darum, wem sie wohl mal gehören wird.

Und Euch möchte ich “Kochtagebücher” ganz besonders an Herz legen.

Kochtagebücher, Peter Breuer
Greenpeace Magazin Edition
Fotografie: Hans Hansen
Design: Fons Hickmann
216 Seiten
ISBN 978-3944222073
48,50 Euro

Habt ihr auch ein Koch- oder Backbuch, das in der Familie weitervererbt wurde? Es würde mich sehr freuen, wenn ihr uns in den Kommentaren davon erzählen würdet. Oder postet uns ein Foto davon an die Facebook Wall.

Herzliche Grüße

Andrea

2017-05-21T00:06:23+00:00 22.03.2017|Allgemein, Bücher|

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3 Kommentare

  1. Charis 1. April 2017 um 18:44 Uhr - Antworten

    Liebe Andrea, Danke für diese schöne Vorstellung von Peters Kochtagebüchern!
    Ich selbst schreibe meine Lieblingsrezepte auch schon seit Jahren in ein Buch. Bin gespannt, ob meine Tochter eines Tages reinschauen wird.
    Viele liebe Grüße aus Hamburg,
    Charis

  2. Danielle 22. März 2017 um 22:03 Uhr - Antworten

    Meine Oma hat bei Fragen nach dem Rezept immer gesagt “ei do muschde zugugge!” Tja, leider hat das nicht so richtig geholfen, ich konnte mir keinen ihrer Kochzaubertricks wirklich merken. Deswegen habe ich meine eigene Rezeptsammlung begonnen. Zwar ohne den Käsekuchen meiner Oma, dafür aber mit Oreo-Käsekuchen. 🙂

  3. Heike Peter-Suck 22. März 2017 um 21:15 Uhr - Antworten

    Hallo Andrea,
    ja, dieses Buch gibt es auch bei uns. Es gehört (hoffentlich auch noch einige Jahre) meiner Mama. Sie hat es in sauberster Schönschrift geschrieben, damals 1963/64, als man als Mädel noch das Haushaltsjahr machte. Die Rezepte reichen von Grießflammerie über Bechamelsoße bis hin zu Marmorkuchen und Amerikaner.
    ..Und bis heute komme ich in den Genuss einiger dieser Leckerlies von ihr. Ich habe einige abgeschrieben als ich ausgezogen bin und vor kurzem hat meine älteste Tochter sich ihre eigene Sammlung angelegt..u.a. mit den Rezepten ihrer Oma.

    Liebe Grüße,
    Heike

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